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Brennpunkte - Die selektive Wahrnehmung

 

Davon handelt dieser Text. Es ist der Versuch einige Menschen zu beschreiben,  oder anders gesagt, die Abwesenheit selbiger. Nicht dass sie physisch abwesend wären, das nun weniger - wir nehmen sie schlicht nicht wahr. Das bedeutet: Diese Menschen wandern direkt vom Sehnerv in den Mülleimer, ohne den belastenden Umweg durch das Gehirn. 

Bestimmt ist Ihnen das Kastensystem in Indien ein Begriff. Bestimmt sitzen Sie auch Abends im Kreise Ihrer Lieben vor dem Fernseher und verdammen die soziale Ungerechtigkeit eines solchen Systems. Bravo sage ich! Sehr anständig von Ihnen. Solche sozialen Gemeinheiten gehören angeprangert. Ich will da gerne mit gutem Beispiel voranschreiten. Also: "Ich prangere das ungerechte Kastensystem in Indien an!" 

Vergessen wir mal, dass dieses System so unverrückbar zur indischen Kultur gehört, wie die Weimarer Republik zu unserer. Vergessen wir für einen Moment, dass auch die sogenannten niederen Kasten in Indien dieses System nicht in Frage stellen. Mal ehrlich, die Jungs haben zwar die Atombombe, sind aber im Grunde ihres Herzens schließlich nur Wilde. Vielleicht macht das der Mangel an Rindfleisch. Im Ernst: Wer sein Steak heilig spricht, der kann doch eigentlich nicht alle Tassen im Schrank haben. Oder wie?

Zurück zum Kastensystem. Sind Sie anders als das Mitglied einer höherstehenden Kaste in Indien? Sie persönlich? Nein! Kein Stück. Es tut mir in der Seele weh, Ihnen das so sagen zu müssen, aber Sie sind genauso versnobt wie der Arzt in Kalkutta oder New Delhi. Ziemlich traurig was? Schließlich hält man sich ja für aufgeklärt, zivilisiert und tolerant. Denkste...

Bei uns läuft das nur etwas dezenter ab. Das schimpft sich dann Zivilisation und ist nur unwesentlich grausamer. In Indien besteht der Unterschied in einem farbigen Punkt auf der Stirn, in Deutschland in der Farbe der Kreditkarte. Nicht relevant also, um nicht zu sagen recht drollig, weil es eben keinen Unterschied gibt.

Wann haben Sie beispielsweise Ihren letzten Penner gesehen? Entschuldigung, Ihren letzten Obdachlosen. Wir sind ja tolerant. Also wann? Nicht nachdenken, spontane Antworten sind gefragt. Ich würde mal spontan auf heute tippen. Natürlich haben Sie ihn nicht wirklich wahrgenommen. Warum auch? Der durchschnittliche Obdachlose nervt, ist besoffen und stinkt. Außerdem labert er einen voll weil er 'ne Mark haben, eine Obdachlosenzeitung verkaufen oder einfach nur reden will.

Hey - ich bin fast jeden Tag im Englischen Garten, oder am Hauptbahnhof - ich kann das beurteilen. Da gibt es die Jungs rudelweise. Massen von hoffnungslosen Gesichtern auf einem Haufen. Ziemlich deprimierend, wenn man da jeden Tag darauf achten würde, oder? Tut man aber nicht. Wir haben unser eigenes Kastensystem - im Kopf, fest verankert.

Selektive Wahrnehmung nennt man das. Ganz praktische Sache, sie hilft uns dabei, Dinge nicht zu sehen, die wir nicht sehen wollen. Früher war sie dazu angedacht, um Dinge auszublenden, die man seelisch nicht verkraftet. Wir haben das weiterentwickelt. Vom Überlebensinstinkt zum Gute-Laune-Bewahrer. Nicht mal so doof, was...

Sind Sie deswegen nun grausam? Gleichgültig? Irgendwie zu sehr mit eigenen Sorgen beschäftigt um andere wahrzunehmen? Sind Sie gar, was keinesfalls unterstellt werden soll, ein mit Vorurteilen belasteter Mensch, dem jegliche Toleranz fehlt?

Ich sage Ihnen: Bleiben Sie ruhig sitzen! Sie sind leider vollkommen normal!