Startseite
Prolog
Steckbrief
Interessen
Viva Bavaria
Stolpersteine
Bilderseite
Mein Himmel
Katzenliebe
Todesstrafe
Gästebuch
Anklagebank
Brennpunkte
Postkarten
Meine Lyrik
Kontaktseite
Informationen
Favoriten
WESE-Ticker
Terror

Zur Webcam
  

Brennpunkte - Plötzlich war sie nicht mehr da

 

Sind Sie jemals durch die Stadt gegangen? Waren Sie wach und hatten Sie die Augen wirklich offen? Haben Sie zufällig ein paar Menschen angeschaut?

Sie könnten jetzt sagen, dass mich das nichts angeht. Vermutlich hätten Sie damit sogar die Wahrheit gesagt. Bedauerlicherweise interessiert es mich nicht, was Sie in diesem Zusammenhang denken, fühlen oder ansatzweise glauben.

Mich interessiert nur, ob Sie den Menschen ins Gesicht schauen, oder ob Sie von Ihnen nur als Hindernisse wahrgenommen werden, wenn Sie durch die Straßen schlendern. Das ist für mich wichtig, es könnte ja sein, dass ich Ihnen einmal begegne. Ich besitze keine Waffen, bin also auf die nackte Vorsicht angewiesen.

Na also, jetzt werden Sie bitte nicht frech. Ich mache Sie doch nur darauf aufmerksam, dass hinter jedem Menschen eine Geschichte steht. Solche Geschichten können traurig oder lustig sein. Oder auch langweilig. Manchmal sind sie ausgesprochen dramatisch. Egal wie, irgendeine Geschichte hat eigentlich jeder Mensch. Eine davon möchte ich erzählen.

Ich nenne sie Maria. Ihren wirklichen Namen kenne ich nicht. Maria stand jeden Tag am Hauptbahnhof. Im Sommer, im Winter, das ganze Jahr über. Ich habe sie mal gefragt, was sie hier machen würde. Sie hat mir nicht geantwortet,  sie sagte kein einziges Wort. Sie hat mich nur sanft und geheimnisvoll angelächelt,  bevor sie in der Menge untertauchte. Oder war es eine Flucht? Wenn ja, was habe ich ihr getan? Ich habe sie doch nur beachtet, ich bin doch nur eine Sekunde lang stehen geblieben.

Millionen Menschen liefen an diesem trostlosen Bahnhof vorbei, Tag für Tag, Nacht für Nacht. Nur die wenigsten haben Maria wirklich gesehen. Sie haben sie zwar wahrgenommen, aber immer nur als Hindernis, als etwas, das ihnen im Wege stand. Ich auch, von der einen einzigen Sekunde  mal abgesehen.

Irgendwann war Maria verschwunden. Sie war plötzlich weg, einfach nicht mehr da. Sie hat keine Spuren hinterlassen. Es hat niemand interessiert. Mich eigentlich auch nicht. Ein Hindernis weniger, war doch gut so.

Maria hat sich übrigens umgebracht. Sie dachte wohl, sie wäre den Leuten im Wege gewesen. Still und unbemerkt  hat sie Platz gemacht. Aber vielleicht wollte sie auch nur einmal angelächelt werden. Spielt keine Rolle mehr, sie ist jetzt weg. Endgültig.

Auch meine Geschichte ist jetzt aus. War wohl nicht besonders umwerfend. Einfach nur eine kleine Geschichte, wie so viele andere auch. Manchmal endet so eine Geschichte,  bevor man sie richtig erzählt hat.

Es fiel mir nur so ein. Wollte nur mal an einen Menschen erinnern, dem ich flüchtig begegnet bin. Entschuldigung.... ich wünsche frohe Weihnachten. Nicht für Maria, die braucht das nicht mehr. Ach was, vergessen sie es doch.