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Brennpunkte - Immer wenn ich nüchtern bin

 

Wahrscheinlich kann niemand nachvollziehen, was da mit mir passiert ist. Ich hatte eigentlich nur Sehnsucht. Deswegen hatte ich keine Lust mehr, mich der Nächstenliebe meiner Mitmenschen auszusetzen. Ich wollte endlich etwas tun, was ich noch nie getan habe. Ich wollte Selbstmord begehen.

Inzwischen bin ich 60 Jahre alt und ich lebe immer noch. Was nicht bedeuten soll, dass alle Unbill von mir ferngehalten wurde. Ich bin vielen Wegelagerern begegnet. Immer wieder wollte man mich überzeugen, wie dumm es von mir sei, plötzlich das Gehirn einzuschalten. Manchmal habe ich auf diese Stimmen gehört. Manchmal war leider ein paar mal zu oft.

Irgendwann, ich war wohl 14 oder 15 Jahre alt, haben ein paar seltsame Leute festgestellt, dass ich fast ohne Ende saufen konnte. Dafür bekam ich sehr viel Lob und sehr viel falsche Selbstbestätigung. Ich war einfach ein toller Kerl. Gute Saufkumpane waren herzlich willkommen. Sie garantierten stets einen gelungenen Abend. So war das wohl.

Mit 16 erlebte ich den  ersten grandiosen Vollrausch. Mit 17 stolperte ich von Delirium zu Delirium. Irgendwann bin ich völlig abgetaucht. Ich erinnere mich an meine  Orientierungslosigkeit noch sehr genau. Vergessen habe ich nur die Stationen meiner Reise, die irgendwo im Nichts endete.

Weiß der Teufel, wer mich auf die Idee gebracht hat, dass es so nicht bleiben konnte. Vielleicht war es ein barmherziger Gott, der mir eine Entscheidung abverlangte. Es wurde mir jedenfalls klar, dass es nur noch zwei Möglichkeiten für mich gab. Entweder langsam, aber sicher zu sterben (verrecken), oder dem Teufel ins Auge zu spucken. Ich habe mich für das Leben entschieden.

Es war ein beschwerlicher Weg. Als der körperliche Entzug vorbei war, habe ich mir gewünscht, er würde wiederkommen. Ich fiel in ein bodenloses Loch. Ich hatte Depressionen ganz neuer Art.

Allein die Tatsache, dass ich durch eine Hölle gegangen bin, gibt mir heute Kraft und Zufriedenheit. Es macht mich auch ein klein wenig stolz. Ich habe einen Mechanismus durchschaut, der wie eine Hand vor meinen Augen lag. Und ich habe gelernt, dass ich niemand etwas zu beweisen habe. Deswegen werde ich mich für mein Leben und für alle meine Fehler auch bei niemand entschuldigen. Nicht einmal rechtfertigen werde ich mich.

Diesen Rückblick habe ich mir gestattet, weil er einen Teil meines Lebens sichtbar macht, der nur in mir selbst existiert. Ich denke nur noch selten an diese Zeit zurück, die doch so wichtig für mich gewesen ist. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass ich heute nicht betrunken bin.