Vorwort - Gedanken über Leben und Tod
 

Ich bin immer wieder gefragt worden, warum ich mich in meinen Gedichten fast nur mit dem Thema Tod befasse. Das zu behaupten, oder auch nur anzunehmen, erscheint mir aber eine sehr oberflächliche Betrachtungsweise zu sein. Es ist meines Erachtens überhaupt nicht möglich, Tod und Leben völlig getrennt zu betrachten. Man darf den kausalen Zusammenhang nicht ausblenden, auch wenn es vielleicht sehr bequem ist.

Das menschliche Dasein hat zwei Eckpfeiler: Die Geburt und der Tod. Dieser  Zusammenhang ist eindeutig, wenn auch sehr vielschichtig. 

Die Vorgeschichte meiner Geburt ist mir nicht bekannt. Sie kann mir die Fragen meiner Existenz nicht beantworten. Das Resultat habe ich zur Kenntnis zu nehmen, wie auch immer und ganz egal, ob ich selbst Gefallen daran finde. An meiner Geburt kann ich nichts ändern, ich will es auch nicht, aber damit akzeptiere ich lediglich ein Naturgesetz.

Mich beschäftigt der Tod in all seinen Facetten und ich kann mich der Faszination nur schwer entziehen. Um es pathetisch zu sagen: Der Tod ist die einzige Gerechtigkeit, die es auf dieser Welt geben kann. Im Tod sind alle Menschen gleich. Keiner wird jemals mehr tot sein, als wie dies ein anderer Mensch ist. 

Und genau an diesem Punkt schleicht sich oft ein unsäglicher Irrtum ein. Immer wieder wird Tod und Sterben verwechselt, oder doch fast gleichrangig betrachtet. Das Sterben aber ist ein Teil des Lebens, der Tod jedoch nicht.

In meinem Denken hat der Tod immer eine übergeordnete und fast schon zentrale Bedeutung. Und so wage ich die These, dass man auch tot sein kann, obwohl man in Wirklichkeit noch lebt. Wenn ich das in einer Rückblende auf mein Leben betrachte, dann  hat das für mich einen tröstlichen Nebeneffekt. Ich denke da ganz besonders an einen bestimmten Lebensabschnitt, von dem ich geprägt  wurde. Würde ich diese Zeit nicht als tote Zeit empfinden können, dann wäre ich vielleicht wahnsinnig geworden. 

Das ist es, was mich zu meinen Gedichten inspiriert. Sie sind ja teilweise in einer Zeit entstanden, in der ich orientierungslos  an die Macht des Zufalls geglaubt habe. Eine fatale Gleichgültigkeit hat mein damaliges Leben dominiert. Ich habe einfach vergessen,  dass es Spielregeln gibt, die ich nicht willkürlich außer Kraft setzen durfte. Und  heute glaube ich zu wissen, dass ich einen Teil meines Lebens falsch gelebt habe.

Zu dieser Erkenntnis habe ich mich durchgerungen, auch wenn es mir oft sehr schwer gefallen ist. Ich danke meinem Schicksal dafür, dass es mir zwar meinen Lebensweg nicht ebnete, aber mir wenigstens die Augen öffnete.  Ich hoffe, es geschah noch rechtzeitig.

 

Werner A. Sedelmaier