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Stolpersteine

 

Am Anfang meines Lebens war, wie bei allen Menschen, meine Geburt. Daran erinnert mich heute nur noch mein Personalausweis. Insofern ist das auch nicht besonders ungewöhnlich. Sehr viel bedeutsamer ist damals gewesen, dass ich mitten im 2. Weltkrieg geboren bin. Genauer gesagt, man schrieb das Jahr 1941. Und weil ein Unglück nur selten alleine kommt, war damals nicht nur Krieg, sondern es war auch noch bitterkalter Winter. Es ist nämlich, fast ziemlich genau, der 12. Dezember gewesen.

Irgendwann hat mir meine Mutter mal erzählt, ich hätte kurz nach Mitternacht das Licht der Welt erblickt. Und eigentlich sei dies auch schon der 13. Dezember gewesen. Unter Mitwirkung der Hebamme habe man damals das Datum ein wenig korrigiert, um vor Aberglaube geschützt zu sein. Es habe sich auch nur um ein paar Minuten gehandelt. Um wessen Aberglaube es dabei gegangen ist, das habe ich leider nie erfahren.

Wenn ich annehme, dass ich an irgendeinen Gott glaube, dann ist das sicher ein Gott der Gerechtigkeit. Daran habe ich keinerlei Zweifel. Besser noch, ich habe sogar Beweise! Fast zwei Jahre später, also 1943, ist meine Schwester geboren. Es war der 13. August. Und es geschah im hellen Tageslicht. Nichts konnte man korrigieren. Nichts manipulieren. Meinem Gott, von dem ich hier spreche, dem darf man nicht einfach in die Suppe spucken.

Inzwischen habe ich wohl den Herbst meines Lebens erreicht. Und die Jahre haben mich gezeichnet, haben Spuren in meiner Seele hinterlassen. Auch ein paar Falten sehe ich im Spiegel. Vielleicht ist das der Grund, warum ich immer öfters einen Blick zurückwerfe. Die Meilensteine liegen in meiner Vergangenheit. Der Weg zurück ist viele, viele Jahre lang. Und trotzdem sind es immer wohlvertraute Schritte. Ich kenne den Weg, ich kenne auch die Richtung. Und so könnte ich fast ruhig und gelassen weitergehen.

In letzter Zeit stelle ich aber immer öfters fest, dass meine Schritte unsicher und zögerlich geworden sind. Und ich entdecke immer wieder Steine, die wie hingezaubert auf meinem Weg liegen. Natürlich lagen diese Steine schon immer da, ich habe sie nur nicht beachtet. Sie waren bedeutungslos.

Heute sehe ich das mit ganz anderen Augen. Die Summe durchlebter Erfahrungen bringt mich zu einer völlig neuen Erkenntnis. Was wollen mir diese Steine sagen? Warum jetzt? Und warum heute? Ein ganzes Leben lang sind es einfach nur Steine gewesen. Tote Steine. Stumm, kalt und bedeutungslos lagen sie da. Was ist das Geheimnis, das mich plötzlich so atemlos macht?

Wahrscheinlich werde ich nie erfahren, was mich zu solchen Überlegungen zwingt. Tief in meiner Seele ist eine Faszination verwurzelt, für die ich keine logische Erklärung habe. Und manchmal habe ich einfach nur Angst. Eine zornige, gottlose Angst.

Vielleicht sind Steine wirklich nur Steine. Aber Steine auf meinem Lebensweg, das sind auch immer Hindernisse. Und es werden wohl ewig Hindernisse bleiben, wenn ich sie nicht zur Seite räume. Noch habe ich die Kraft dazu. Ich könnte es schaffen. Ich könnte es gleich heute versuchen.  Oder morgen. Oder auch erst in ein paar Tagen. Oder später, irgendwann...

Ich werde es ganz sicher versuchen. Aber erst will ich wissen, warum man den Tag meiner Geburt manipuliert hat. Und ich will endlich wissen, warum mein Leben so seltsam angefangen hat. Ich bin in einem dunklen Zimmer geboren worden. Und es war kurz nach Mitternacht. Wo also war das Licht, das ich damals erblickt haben soll? Wo war es? Wo?